Update: Ubuntu macht umstrittenen Deal mit Amazon

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Als ich die Meldung gestern von der Einführung einer Shopping-Lens in die kommende Ubuntu-Version las, war ich so gar nicht begeistert. Kurz erklärt: Die “Dash” in Ubuntu ist mittlerweile die zentrale Such- und Kommandofunktion in Ubuntu und diese bekommt nun Kaufempfehlungen von Amazon sobald der Nutzer einen Begriff eingibt. Für mich bedeutet diese – als Feature verkaufte – Funktion einen Richtungswechsel in der Strategie von Canonical, der Firma hinter Ubuntu.

Stellen wir uns einmal vor, Microsoft würde verkünden, dass das Startmenu (oder die Metro-Oberfläche) je nach Nutzerinteraktion Kaufempfehlungen einblendet – der Aufschrei wäre groß. Vergleichsweise klein ist natürlich die Nutzerzahl von Ubuntu und für meinen Geschmack ist der Aufschrei in der Community auch recht klein. Denn was uns hier drastisch vor Augen geführt wird, ist, dass Ubuntu zwar kostenfrei und offen, aber gleichzeitig auch kommerziell ist. Das mag für einen langjährigen Windows- oder Apple-Nutzer nicht überraschend sein, für eingefleischte Linux-Nutzer ist es aber eine ungewohnte Situation.

Mark Shuttleworth, der Initiator von Ubuntu, hat sich mittlerweile geäußert. Dabei versucht der den kommerziellen Aspekt etwas einzuschränken:

These are not ads because they are not paid placement, they are straightforward Amazon search results for your search. So the Dash becomes a super-search of any number of different kinds of data. Right now, it’s not dynamically choosing what to search, it’s just searching local scopes and Amazon, but it will get smarter over time.

Ein schwaches Argument. Die Dash soll ein Universalinstrument werden und alles mögliche für den User finden, das ist schön und gut. Aber es gäbe zahlreiche andere Integrationen, die sich die Nutzer zuerst wünschen würden. Eine Kaufempfehlung ist da eher ein unwichtiges Feature – zumindest aus Sicht der Endanwender. So sollte man lieber wichtige APIs integrieren, wie von Google, Twitter oder Facebook. Auch könnte die Suchfunktion nach Daten und Ordnern wesentlich besser indiziert sein.

Reden wir also nicht um den heißen Brei herum: Ubuntu ist kostenlos und gerade deswegen auf solche Lösungen angewiesen. In letzter Zeit ist der Enwicklungsaufwand (und damit auch Kosten) durch Abspaltungen/Eigenentwicklungen wie Unity oder UbuntuOne gestiegen. Damit hat Ubuntu einerseits bewiesen, dass sie die einzige Linux-Distribution sind, die aktuelle Trends in der Branche aufnehmen kann (Touchscreens, Cloud, Webapps, Ubuntu TV und Ubuntu für Android), aber gleichzeitig dafür auch ungewöhnliche Konzepte zur Monetarisierung gefunden werden müssen.

Dabei ist der aktuelle Deal mit Amazon ein kluger Schritt von Shuttleworth und Co. Sie können ihre Einnahmenseite aufbessern, gleichzeitig folgen sie aber auch dem Trend des “content sells”. Amazon selbst verfolgt diese Strategie, indem sie ihre Kindles für wenig Geld auf den Markt bringen und als eigentliche Einnahmequelle den Konsum der Nutzer mit dem Gerät sehen. Ubuntu könnte sich mit diesem Schritt in diese Richtung entwickeln. Es bleibt kostenlos (das kann wohl als sicher gelten), aber es wird immer mehr kommerzielle Angebote innerhalb des Systems geben.

Ich denke der Deal mit Amazon hat einigen Nutzern die Augen geöffnet, dass nichts auf Dauer mit entsprechender Qualität kostenfrei bleibt. Ob das Google, Facebook oder eben Ubuntu ist. Ob man diesen Deal eingeht, dass kann jeder für sich entscheiden. Für eine Firma wie Canonical bleibt dabei immer die Schwierigkeit die richtige Balance zu finden. Sobald die Nutzer sich wie eine gemelkte Kuh fühlen, können sie sich schnell auch gegen den Deal entscheiden.

Update: Mittlerweile gibt es doch vermehrt kritische Stimmen. Patrick Meyhöfer kritisiert die Bevormundung der Nutzer bei der Entscheidung und einen Eingriff in die Privatsphäre. Christoph Langner hat die Netzaktivitäten der neuen Lens untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Suchanfragen zwar nicht direkt über Amazon laufen, die Fotos der Ergebnisse aber direkt vom Amazon-Server kommen. Eine indirekte Zuordnung der Kaufinteressen ist also theoretisch möglich. Und Daniel Schneider bringt es letztlich auf den Punkt: Es gibt Ubuntu weiterhin auch in einer nichtkommerziellen Variante – sie nennt sich „Debian“.

and follow.

Kommentare

  1. Patrick

    Die API werden ja eingeführt, wenn man sich die Strategie mit den Web Apps anschaut, dort ist es auch möglich seine Google Docs (Drive) Dokumente über die Home-Lense anzuschauen.

    Twitter und Facebook sind auch dabei, integrieren sich dann in Gwibber & Co.

    Hab ja genug dazu geschrieben, aber der Schritt war denke ich notwendig, wenn er auch schlecht kommuniziert und bisher schlecht technisch (rechtlich) umgesetzt wurde.
  2. dos

    Stimmt. Habe die WebApps noch nicht ausprobiert und weiß deswegen nicht wie weitgehend die Integration in Unity sein wird.

    Aber die Möglichkeit direkt Tweets über die Dash abzusetzen oder Facebook-Kontakte zu suchen wird hoffentlich integriert werden. Gwibber würde somit eventuell überflüssig sein. Wenn das alles dann noch zentral verwaltet werden kann, wie es Gnome3 mit den Online-Accounts in den Systemeinstellungen gezeigt hat, bin ich auch recht zufrieden :)

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