In der Chefetage vom Spiegel scheint es derzeit zu krachen. Online trifft auf Print, oder besser gesagt von Blumencron auf Mascolo. Der Online-Auftritt kannibalisiert Print, so lautet der Vorwurf. Print-Chef Mascolo fordert deswegen eine Bezahlschranke. Und zwar zu Recht, wie ich finde. Jeder, der fortschrittlich denkt und im Internetzeitalter angekommen ist, sollte an die Zukunft von Paid Content glauben.
Bei manchen Themen hat man das Gefühl, man redet gegen eine Wand. Als würde eine ganze Branche im Dornröschenschlaf verweilen und die Realität, die direkt vor den eigenen Augen herrscht, nicht wahrnehmen. Die Diskussion um Paid-Content scheint eine Einseitigkeit bei den Branchen-Magazinen entwickelt zu haben, die schon an Ideologie grenzt. Horizont und Meedia wetteifern um die längere Liste von Anti-Paywall-Argumenten. Neues kommt dabei nicht zum Vorschein, aber doch einiges an Realitätsverdrehung.
Zitat:
Für Spiegel Online wäre eine Bezahlschranke ein Desaster – aber auch für den „Spiegel”: eine Medienmarke ist heutzutage nur stark, wenn sie in Print wie Online überzeugt.
aus Horizont.
Das grundlegende Problem an der Argumentation ist die fehlende Unterscheidung zwischen Qualität und Verkaufsstrategie. Ich frage mich: Wer sagt denn, dass eine Marke trotz Bezahlschranke nicht Online überzeugen kann? Zweifelt irgendjemand an der Qualität der New York Times, nur weil sie nicht kostenfrei verfügbar ist? Seit wann ist etwas für das man bezahlen muss denn schlechter als die Gratisversion?
Der Spiegel ist ein journalistisches Produkt, dessen Produktion Geld kostet. Im Prinzip genauso wie – sagen wir mal – ein Auto. Würde jemand behaupten, dass der Porsche nicht überzeugt, weil er (viel) Geld kostet?
Das Nein zu Paid Content im Allgemeinen bedeutet freilich auch: Nur wenige Online-Angebote werden mittel- und langfristig in der Lage sein, werbefinanziert zu überleben. Schwache Digitalmarken müssen quersubventioniert werden – andere Chancen sind derzeit kaum in Sicht.
aus Horizont.
Aber an General-Interest News-Angeboten im Netz herrscht wahrlich kein Mangel. Würde SpOn die Bezahlschranke runterlassen, würde sich die Masse der Nutzer ihre News eben bei Welt Online holen oder Tagesschau.de oder Stern.de oder Focus.de oder n-tv.de. Oder sonstwo.
aus meedia.
Das hört sich ein wenig so an, wie ihr schwachen werdet eh sterben, versucht gar nicht erst euch zu retten. Natürlich vereinheitlicht das Internet (geographisch gesehen) alle Tages- und Wochenzeitung. Man kann sich lokale Leserschaft nicht mehr aufteilen. Jeder ist nur einen Mausklick entfernt.
Aber war das denn in der Pre-Internet-Zeit anders? Zeitungen haben sich entweder lokal ausgerichtet (sowohl vom Inhalt, als auch vom Verbreitungsgebiet) und überregionale Zeitungen haben sich zumeist durch unterschiedliche ideologische Färbungen unterschieden. Wenn man nun die Frankfurter Rundschau nicht mehr vom Auftritt der Welt unterscheiden kann, weil beide sich an Klickzahlen und Nachrichtenagenturen orientieren, dann hat ist das kein durch das Internet ausgelöste Problem, sondern einfach mangelnde Profilbildung. Würde Spiegel Online den selben Stellenwert auf Online wie auf Print legen, dann wäre der Online-Auftritt auch einzigartig. Man sagt ja auch nicht, dass man statt dem Spiegel am Kiosk auch den Focus kaufen könne, oder?
Nicht nur die Agof-Zahlen zeigen: SpOn ist eine der Top-Marken im deutschen Online-Journalismus.
aus Horizont.
Das stimmt. Aber kann mir jemand die Argumentation erklären, dass gerade weil man eine Top-Marke ist, seine Inhalte kostenlos anbieten muss? Ist es nicht das Gegenteil? Eine Marke kann sich ihr Ansehen, ihren Ruf auch bezahlen lassen. Gerade wer eine Marke ist (was übrigens der obigen Behauptung der Austauschbarkeit widerspricht), wird sich auch mit Paid Content behaupten, denn er ist nicht ersetzbar!
Ich habe an anderer Stelle (New York Times bekommt löchrige Paywall und Die gängelnde Branche der Journalisten) mich über meine Ansichten zu Paid Content bereits ausgelassen. Aber viele Verlage scheinen immer noch in einer Schockstarre zu verharren. Aktiv werden vor allem die Angelsachsen mit dem Guardian und der New York Times. Dort wird probiert, auch wenn die Gefahr zu scheitern immer gegeben ist. In Deutschland kann man höchstens die Frankfurter Rundschau mit ihrer aggressiven Tablet-Strategie und eventuell den Freitag mit seiner innovativen Leserplattform als sich dem Auflagenschwund widersetzende Publikationen nennen.
Die nervige “Kostenloskultur” scheint aber weiter Bestand zu haben. Obwohl es ein Mythos ist, dass Angebote im Internet kostenlos sein müssen, weil der User es so gewohnt ist. Die Musikindustrie zeigt es doch derzeit – digital lässt sich Geld verdienen. Im übrigen erinnere ich mich auch an viele Diskussionen über Gratis-Zeitungen, die in Metros oder Innenstädten verteilt werden. Billige Blätter, die künstlich ihre Auflage hochschrauben und “die richtige Presse” kannibalisieren. Oh Herr, die Diskussionen wiederholen sich und keiner scheint es zu merken, keiner scheint aufzuwachen.
Kommentare
eh #
http://www.indiskretionehrensache.de/2012/04/spiegel-mascolo/
dos #
\"1. Der Leser zahlt schon durch den Erwerb seines Computers oder Handys und durch die Datenleitung, dazu kommt seine Zeit, die sich mit Werbung monetarisieren lässt.\"
- Kein Mensch kauft sich ein Handy oder Computer ausschließlich um damit Nachrichten zu konsumieren. Ich kaufe mir auch kein Auto, um speziell beim Supermarkt einzukaufen. Das sollte man heutzutage schon als gegeben ansehen. Etwas anders verhält es sich vllt. bei Tablets...
\"2. Kaufe ich einen Song, so habe ich den schon mal gehört oder kenne zumindest den Interpreten. Sprich: Ich weiß, was ich bekomme.\"
- Ich kaufe doch auch den Print-Spiegel, weil ich weiß was ich bekomme. Dafür baut man sich doch ein Profil, eine Marke auf und die hat der Spiegel. Was der Interpret bei Musik ist, ist der Verlag/Journalist doch bei Nachrichten.
\"Bei Nachrichteninhalten aber weiß ich genau: Ich werde sie exakt ein einziges mal konsumieren.\"
- Das stimmt wahrscheinlich. Die Nachrichten von Gestern sind natürlich meistens Wegwerfware, aber dieser Umstand sollte sich im Preis widerspiegeln. Alles eine Frage der Relation.
\"4. Inhalte hinter Paid Content werden im Social Web nicht weiter empfohlen.\"
- Da gebe ich ihm Recht. Wobei man hier beachten muss, dass Soziale Netzwerke selbst meist auch geschlossene Systeme sind. Bin ich bei Facebook nicht angemeldet, kann ich auch keine Empfehlungen bekommen. In gewisser Weise zieht man also nur gleich mit den Netzwerken.
eh #
Ich vermute, Knüwer meint die Urheberrechtsabgaben, die auf den Kaufpreis aufgeschlagen werden, und die ja auch wieder zurückgehen.
2. - Ich kaufe doch auch den Print-Spiegel, weil ich weiß was ich bekomme. Dafür baut man sich doch ein Profil, eine Marke auf und die hat der Spiegel. Was der Interpret bei Musik ist, ist der Verlag/Journalist doch bei Nachrichten.
Ja, den Print-Spiegel. Aber bei SpOn weiß ich nicht so richtig, was mich erwartet. (SpOn im Speziellen ist vielleicht ein ungeeignetes Beispiel, bei der Zeit würde ich dir zustimmen)
Aber wenn man Bezahlschranken einführt und mal weg geht von den fünf \"Premium-Marken\" wäre zu überlegen, wie viel ich
für die Auftritte der \"Wald-und-Wiesen-Blätter\" zu zahlen bereit wäre - die sich zumeist darauf beschränken ihren Print-Content unbearbeitet 1:1 ins Netz zu kippen und mich inhaltlich mit Vereinsversammlungen zu bespaßen versuchen.
Wenns da nämlich um Profil und Marke geht, haben diese Verlage - zumindest für unsere Generation - ganz schnell ein Argumentationsproblem. Wir sind nicht im Schützenverein und züchten keine Kaninchen. ;)
dos #
Wegen den \"Wald-und-Wiesen-Blättern\": Die haben gedruckt ja das gleiche Problem. Das ist kein internetspezifisches Problem. Und das will man teilweise ja nicht einmal geschenkt haben. Sehe darin jedenfalls kein Argument für oder gegen Paid Content. Wer sich keine Leserschaft aufbauen kann, der macht halt prinzipiell etwas falsch.
eh #
Ab 1. Januar 2011[6]
ohne Touchscreen: 12,00 €
mit Touchscreen und weniger als 8 GB Speicherkapazität: 16,00 €
mit Touchscreen und 8 GB Speicherkapazität oder mehr: 36,00 €
http://de.wikipedia.org/wiki/Pauschalabgabe
:D
Zu Wald und Wiese:
Mit frei zugänglichen Artikeln gibts immer noch die Chance, dass der Leser zwar womöglich uninteressiert, aber dennoch mehr oder weniger regelmäßig auf die Seite geht und damit Klicks und Visits beiträgt - es könnte ja was Spannendes drin stehen. Zumal der ganze Werbe-Rattenschwanz ja eben an diesen Zahlen hängt.
Und eine inhaltliche Debatte gibts ja auf lokaler Ebene nichtmal ansatzweise. Der Content wird als gegeben hingenommen, daran etwas zu ändern steht nicht zur Diskussion - auch, weil Auflagen nur langsam sinken und nicht einbrechen. Man macht also in der Eigenwahrnehnumg im Verhältnis nur wenig falsch, so wenig, dass es noch nicht diskussionswürdig ist. Aber das ist auch nochmal eine eigene Diskussion wert. Das Einzige, was tatsächlich hinterfragt wird, ist die Vermarktung dieses festgemeißelten Contents.
Ich glaube, dass die Paywall-Hürde gerade für das Lokalzeitungs-Publikum nochmal unendlich viel höher ist. Das fängt schon bei der Bezahlung an, wer aus der Zielgruppe der Lokalzeitungsleserschaft würde denn über dieses vermeintlich unsichere Internet Geld zahlen? Manhörtjasoviel. Es ist dabei nicht nur eine Frage des Ja oder Nein, sondern auch des Wie.
Phil #
Ich sehe allerdings durchaus das Problem der kostenlosen Konkurrenz im Netz. Der Vergleich, dass man ja auch am Kiosk zwischen Spiegel und Focus wählen kann hinkt ja insofern etwas, dass da ja beide etwas kosten. Im Netz wählt man ja nicht zwischen zwei kostenpflichtigen Angeboten das bessere aus, sondern würde dann zwischen einem Gratis-Angebot und einem Bezahl-Angebot auswählen. Und da ist es dann fraglich, ob sich eine große Mennge an Nutzern findet, die die Qualität des SpOn-Angebots als soviel höher einschätzt und bereit ist zu zahlen.
Ich sehe nämlich auch durchaus als legitimes Argument an, dass Nutzer kostenlosen Content im Netz gewohnt sind,, der erste Verlag der versucht das zu durchbrechen geht auf jeden Fall ein großes Risiko ein. Ich gebe dir allerdings recht: wenn jemand eine Chance hat, dann eine so etablierte Online-Marke, wie SpOn.
Den Unterschied zur Musikindustrie sehe ich vor allem im Geschäftsmodell. Für Nachrichten/Artikel gibt es keinen einheitlichen Vertrieb, ich glaube eines der größten Hemmnisse ist eine einheitliche allgemein verbreitet und akzeptierte Zahlungsart. Vermutlich hätten die meisten gar kein Problem damit 50 Cent zu bezahlen für einen Artikel, der sie interessiert, aber es muss halt komfortabel un überall einheitlich gestaltet sein (und natürlich sicher:))
Das jetzt mal als rudimentäre Gedankengänge, die mir so durch den Kopf geschossen sind:)
dos #
Klar ist es schwierig, wenn die einen Geld verlangen und die anderen nicht. Aber die Frage ist, ob man langfristig überhaupt die Wahl zwischen beiden Optionen hat. Das zeigt ja auch die Spiegel-Debatte jetzt, man muss irgendwie handeln sonst stehen die Verlage bald mit dem Rücken zur Wand. Ich prophezeie, dass in den nächsten 2-3 Jahren die meisten auf Paid Content umschwenken und nur einige eher low-quality Angebote kostenfrei bleiben. Man kann ja seine Nachrichten auch auf Freenet oder T-Online bekommen... Aber das wird dann keine direkte Konkurrenz mehr sein.
Zur Frage mit den Bezahlmodellen. Natürlich muss es komfortabel, sicher und vertrauenswürdig sein. Aber das kann ja in Zukunft kein Hemmnis mehr sein. Online-Shopping ist mittlerweile doch auch Mainstream und bei einem Print-Abo muss man auch seine Kontodaten rausrücken.
Ich fände 50 Cent pro Artikel im Übrigen viel zu hoch. Ich denke die NY Times hat da einen guten Maßstab geschaffen: http://www.nytimes.com/content/help/account/purchases/subscriptions-and-purchases.html#purchasesq01
Also so maximal 10 euro pro Monat und dafür unlimitierten Zugriff und auch Apps dazu. Bei der Times sind ja im Übrigen auch bis zu 20 Artikel pro Monat kostenlos. Damit will man wohl vor allem das oben genannte Argument mit dem Sharen auf Sozialen Netzwerken umgehen.
eh #
Zumal, wenn die ÖR ihre Textbeiträge in Zukunft tatsächlich reduzieren.
dos #
Prinzipiell bildet das dann mehr oder weniger die Lage in der Pre-Internet-Ära ab. Wer mehrere Titel lesen will, muss auch mehr zahlen. Man muss ja auch sehen, früher hat man den Inhalt auf einem Medium bekommen (Papier) und heute bekommt man es auf mindestens drei (Smartphone, Browser, Tablet...). Das sind zuerst auch höhere Entwicklungskosten...
eh #
Für ein digitales Leitmedium nicht, weil es sich den Social-Media-Arm und damit massiv Reichweite abschnürt.
Und für lokale Medien nicht, weil niemand Geld zahlt für Vereinssitzungen, Schützenfeste und Volkshochschul-Kursangebote.
Aber mal angenommen, beide verlangen ab sofort doch Geld: Bezahle ich nur das eine? Oder hau ich die Kohle auch noch für das andere raus? Das könnte einen ziemlichen Kannibalisierungsprozess in Gang setzen, bei dem sich am Ende fünf Portale halten können, weil ein Großteil der Nutzer dort sein Geld hinträgt (wie das inhaltlich aussähe will ich mir gar nicht ausmalen). Dann wären wir genauso weit wie heute, der Großteil der Medien verdient online kein Geld. Das analoge Zeitungssterben überträgt sich ins Internet, als digitales Mediensterben.
dos #
Bei der Musikindustrie kenne ich die Zahlen nicht wirklich. Man hört mal positives, mal negatives. Generell scheint mir da aber die Bereitschaft Geld für Downloads zu bezahlen schon sehr gestiegen zu sein. Nicht zuletzt durch iTunes und iPods. Eigentlich zeigt das ja, dass man mit dem richtigen Konzept die Kostenloskultur schon kippen kann. Die Kunden müssen eben einen Mehrwert spüren. Ganz interessant dazu ist dieser Artikel: http://www.informationarchitects.jp/en/business-class-news/
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